Die Einsichtsmeditation (Vipassana)

Wenn wir in der Meditation auf Ablenkungen ("Hindernisse") stoßen, haben wir zwei grundsätzliche Möglichkeiten mit diesen umzugehen. Wir müssen uns entscheiden, ob wir 

  • bei der eigentlichen Methode der Atemmeditation bleiben und folglich wieder zum Atem zurückkommen oder
  • uns mehr für die Hindernisse und unsere dahinter stehenden geistigen und emotionalen Verfassungen und Einstellungen interessieren.

Wenn wir die Ablenkungen als Hindernisse auf dem Weg zur Sammlung betrachten, dann reicht es, wenn wir die Hindernisse als solche erkennen und ihnen möglichst wenig Raum im Geist bieten. Es reicht, wenn wir sie etikettieren, nicht füttern und loslassen.

Letztlich ist die einzige wirklich effektive Maßnahme des Loslassens aber diejenige die dazu führt, dass diese Hindernisse unwiederbringlich nicht mehr auftauchen. Um dieses zu erreichen müssen wir erst einmal tiefer verstehen, wie diese Hindernisse entstehen und welche Geistesverfassungen die Ursache für die Hindernisse sind. Wenn wir dann wirklich verstehen welchen Schaden diese Ursachen in unserem Geist anrichten und bereit sind diese zu ändern, dann kann der  Transformationsprozess entstehen, durch den diese Hindernisse irgendwann keinen Zugang mehr in unseren Geist finden. Wir benötigen also Einsicht.

Die Grundlage von Einsicht ist das Erkennen von Zusammenhängen. Auf Grund des Erkennens kann ein geistiger Prozess einsetzen der zu einer Veränderung innerer Einstellungen, Meinungen, des Denkens und innerer Haltungen führt. Und am Ende des Prozesses lebt, denkt und handelt man in Übereinstimmung mit dem was man erkannt hat. Eine Einsicht ist eine Erkenntnis (manchmal Schauung genannt), die genau diesen Transformationsprozess auslöst. In diesem Prozess löst man sich von dem, was zu Unfreiheit, Sorgen, Angst und Ärger führt.

Und genau hier setzt der alternative zweite Ansatz der Einsichtsmeditation an. Dieser Ansatz ist genau genommen nicht von der Kultivierungs- oder Sammlungsmeditation zu trennen. Der Begriff der Einsichtsmeditation hebt nur noch einmal hervor, dass wir jeden Moment in der Meditation aus dem was wir erfahren lernen können. Wir können aus dem was wir erfahren Schlüsse ziehen, die etwas in uns auslösen und zum Loslassen und zur Befreiung des Geistes führen. Dieses Lernen und der darauf basierende Transformationsprozess sind die Essenz der buddhistischen Meditation.  

Es gibt eine Reihe von Menschen, die zu Beginn ihrer Meditationserfahrung die Atemmeditation erlernt haben. Häufig haben sie zu diesem Zeitpunkt verstanden, dass die Atemmeditation eine Sammlungsmeditation ist. Für den Buddha war aber jede Meditationsform eine Einsichtsmeditation, selbst die Atemmeditation. Die frühen Buddhisten haben die tiefen Sammlungszustände benutzt um fundamentale Erkenntnisse über die prinzipielle Leidhaftigkeit und Unbeständigkeit und Vergänglichkeit zu erhalten und das Loslassen von schädlichen Geistesverfassungen zu unterstützen und irreversibel zu machen.   

Wenn wir den Ablenkungen einen gewissen Raum in unserer Meditation bieten und sie als Teil unserer Erfahrungen liebevoll annehmen, werden wir viel darüber erfahren, wie unsere Meditations-Erlebnisse mit unserem Alltag zusammenhängen. Wir werden erleben, wie die Meditation zu einem Spiegel unseres Lebens und unseres gesamten Seins wird. Wir werden die Hindernisse vielleicht sogar ein wenig wertschätzen lernen, da sie für uns Ausgangspunkte der persönlichen Entwicklung werden können.